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Das Pilgerpaar oder eine wundersame Begegnung

 

 

Wohin Tausende seit alters gepilgert von überallher;
wo man die Taten des heilgen Jakob besingt,
wo an Seilen durchs Kirchenschiff schwingt
ein Räucherfass, silbern, mannshoch und schwer.

Dorthin - sollte die nächste Reise gehen!
Sie, gelähmt, an den Rollstuhl gebunden,
er, der eine Broschüre mit Pilgerwegen gefunden.
Um Heilung wollten sie beten und flehen.

Sicher,  ihr Leser habt die Stadt bereits erdacht.
Das berühmte Santiago ist´s, auf der Halbinsel Iberia,
mit dem Zusatz `de Compostela´, im Land Espaňa,
wohin beide fuhren in Tagen und mancher Nacht.

Ihr Campmobil stellten sie in einer Seitengasse ab.
Erhabene Türme schauten über der Dächer Rand.
Das war ihre Richtung, dort die Kathedrale stand!
Die Rollstuhlräder vorn hoch, ging´s im Kängeruhtrab.


Der Domplatz: Pilger in bunter Zahl! Manche mit Kutte und Stab. Lieder!
Der Kirchbau: Auf vielen, vielen Stufen, wie auf einem Thron.
Wo und wie fanden sie Eingang in diesen hehren Dom?
Da - ein Polizeiposten! Es hieß: Um den Dom herum! Hinüber!

Was sie erwartete auf der anderen Seite, schien zu schwer:
Dort waren Türen, aber verschlossen und der Stufen zu viele,
sie schauten umher, voll enttäuschter Gefühle.
Wer half nun weiter, den Zugang zu finden? Wer? Wer!

Ihr Begleiter und sie, beide unentschlossen,
schauten den Weg, der vor ihnen lag, verzweifelt entlang.
Am Ende - ein Jüngling, grau gekleidet, jung, groß, schlank,
Faszinierend. Sie erstarrten, wie in Blei gegossen.

Der junge Mann schritt auf sie zu – und dann,
als er in Reichweite war, hob er die Hand, stumm, von dort
er winkte. Den beiden versagte das Sprechen, gelang kein Wort.
Der Jüngling drehte sich um und - ohne zu warten, schritt er voran.

Sie folgten, näher wollten sie ihm kommen.
Vergeblich der Versuch, sie konnten ihn nicht erreichen.
Die Zwischenräume wurden nicht kleiner, blieben die gleichen.
Keinen Schritt hatten sie trotz Anstrengung gewonnen.

Am Ende des Weges der junge Mann stoppte – immer noch kein Wort.
Er hob den Arm zum Himmel, drehte sich um,
deutete nach rechts mit der Hand und - blieb stumm.
Sie schauten in die angezeigte Richtung: Ein Eingang! Stufenlos. Dort!

Er, der Pilger, überrascht und hoch erfreut, hob erleichtert die Hände.
Beide schauten zurück, wo der Jüngling stand, doch der Platz war leer.
Alles Suchen war vergeblich, sie erblickten ihn nirgendwo mehr.
Kein Dankeswort konnten sie sagen. Eine Begegnung mit unerwartetem Ende!

In die gewiesene Richtung zogen sie, zu dem ersehnten Tor;
beide verwirrt, aufgewühlt! In Gedanken schob er in den Kirchenraum
den Rollstuhl mit seiner Frau. Es war erfüllt ihr Reisetraum.
Und nach einigen Schritten erhob sich vor ihnen mächtig des Altares Chor.

Orgeltöne erklangen. Andachtsvoll! Übergehend in ein Fortissimo furioso!
Und vorn? Da warteten zahlreiche Pilger. Ein jeder drängte hinter den Altar
und schlug von hinten um die Büste des Jakobus sein Armepaar.
Sie waren angekommen im hohen Dom von Santiago.

Er kniete nieder, neben seiner Frau, die an den Rollstuhl war gebunden,
legte seine Hand in die ihre, die nicht gelähmt, zu inniger Geste.
Heute war Vigil - und morgen des heilgen Jakobi Namensfeste.
Sie beteten um Gesundung, dankten, dass den Eingang sie gefunden.

Von keiner Heilung ist zu künden, aber war nicht ein Erlebnis geschehen,
wunderlich und wundersam, das für immer blieb in beider Pilger Kopf?
War der Mann in Grau Jakobus? Eher ein Engel? Manch einer ist ein armer Tropf,
der die Wahrheit gefunden, aber, weil seine Augen gehalten, kann er nicht sehen!

Noch heut ist für das Paar Santiago mit dem Weihnachtfeste eng verbunden.
Ein König auf ihrer Weihnachtskrippe trägt ein Räucherfass, silbern und fein,
aus dem Dom ein Imitat, ein Andenken, bedeutungssreich, wenn auch nur klein,
das erinnert an die unerklärliche Begegnung und an den Trost, den sie gefunden.

1997-2011 Kärnten

Dem Erzählgedicht liegt eine reale Begegnung zu Grunde, die zum Nachdenken und zur Besinnlichkeit anregte. W.K
.

© Winfried Kerkhoff

  

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